_ Flashlight_ Playful Sculptures

_ english version below_

Wir gehen durch Skulpturen, die uns umgeben. Die monochromen Farbpaletten geben  den realistisch wirkenden Arbeiten eine neutrale Ebene, die je nach Wahl der Farbe eigene Sichtweisen und Assoziationen erlaubt.

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Alicia Framis „Life Dresses“ Basel Art Fair 2019

Alicia Framis taucht ihre „Life Dresses“ in ein monochromes Weiß. Weiß die Summe aller Farben des Lichts. Es verkörpert also physikalisch gesehen nicht das Nichts, sondern Alles. Weiß hat keinen negativen Zusammenhang, so ist sie die vollkommenste Farbe. Weiß symbolisiert: Licht, Glaube, das Ideale, das Gute, der Anfang, das Neue, Sauberkeit, Unschuld, Bescheidenheit, Wahrheit, die Neutralität, die Klugheit, die Wissenschaft, die Genauigkeit. In Ihrer Neutralität lässt es die Farbe Weiß dem Betrachter offen, seine eigenen Geschichten auf die Skulpturen zu implizieren.

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Louis Vuitton Men FW 2019

Virgil Abloh hat für Louis Vuitton monochromen dreidimensionale Figurengruppen geschaffen. Er wählte die Farbe Orange. Orange repräsentiert vitale Stärke, Aktivität und das ist wohl für einen Designer, der mit seiner zweiten Herrenkollektion für des traditionsreiche Modehaus „am Start“ ist, wohl am wichtigsten, den Wandel. Die Wärme dieser Farbe hebt unweigerlich die Stimmung. Orange lockert und aktiviert jeden, der im grauen Gewohnheitsalltag erstarrt ist.

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Paola Pivi „Baby Bear Gang“ at Gallery Perrotin

Paola Pivi bringt einen neuen Aspekt in die Thematik. Sie zeigt mit ihrer „Baby Bear Gang“, deren Pelz durch leuchtende, monochrom eingefärbte Federn ersetzt wurde und deren Augen, Mäuler und Klauen trotzdem ganz naturalistisch gelassen wurden. Aus dem Zusammenspiel der Farbwahl, den Haltungen und den Positionierungen im Raum entsteht eine sehr verspielte, super fröhliche Arbeit, die den Betrachter erstrahlen lässt.

In ihrer konzeptuellen Gesamtheit erzeugen alle Arbeiten ein dreidimensionales Bild, dass in seiner Verspieltheit eigene Betrachtungsweisen, Assoziationen und Gedanken zulässt.

_ english version_

We pass through sculptures that surround us. The monochrome color palettes give the realistic-looking works a neutral level that allows their own views and associations depending on the choice of color.

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Alicia Framis „Life Dresses“ Basel Art Fair 2019

Alicia Framis turns her „Life Dresses“ into a monochrome white. White is the sum of all the colors of light. So physically, it does not embody nothing but everything. White has no negative connotation, so it is the most perfect color. White symbolizes: light, faith, the ideal, the good, the beginning, the new, cleanliness, innocence, modesty, truth, neutrality, wisdom, science, accuracy. In its neutrality, the color white allows the viewer to imply his own stories on the sculptures.

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Louis Vuitton 2019

Virgil Abloh has created monochrome three-dimensional groups of figures for Louis Vuitton. He chose the color orange. Orange represents vital strength, activity and that is probably the most important thing for a designer who is „on the start“ with his second men’s collection for the traditional fashion house, change. The warmth of this color inevitably raises the mood. Orange fans and activates everyone who is frozen in everyday routine.

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Paola Pivi „Baby Bear Gang“ at Gallery Perrotin

Paola Pivi brings a new aspect to the subject. She shows with her „Baby Bear Gang“, whose fur was replaced by bright, monochrome colored feathers and whose eyes, mouths and claws were still left completely naturalistic. The interplay of the color choice, the postures and the positioning in the room creates a very playful, super cheerful work that lets shine every viewer.

In their conceptual entirety, all works produce a three-dimensional image that in its playfulness allows one’s own views, associations and thoughts.

 

 

Catchy Perspectives_

_ English Version below_

Mode will wahrgenommen werden. Jedes Label kommuniziert seinen Code und seine ganz individuellen Stories. Es geht um Distinktion, um Einzigartigkeit und Wahrnehmung in einer kaum zu überblickenden Flut von Modelabels und modischer Aussage. Letztendlich geht es um die Generierung und Bindung möglichst vieler potentieller und reeller Kunden.

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Balenciaga 2019

Der Katalysator für diese Formen des Storytelling finden sich bei den Social Media. Mit der ihnen eigenen implizierten Kleiderkommunikation und emotionalen Visualisierung unter Verwendung von Bild, Text und Sound. Die Kommunikation von Mode und Lebensgefühl auf einem Mobiltelefonbildschirm beeinflusst die Wahrnehmung von uns Menschen. Die Aussage von Mode muss sich immer stärker einem drei Sekunden Rhythmus anpassen.  Dieser wird von den Wischbewegungen auf dem Mobiltelefon diktiert. Das Bild und der modische Code muss in dieser Zeitspanne eine möglichst individuelle Botschaft erzählen, die die Aufmerksamkeit des Betrachters einfängt.

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Balenciaga 2019

_ English Version_

Fashion wants to be perceived. Each label communicates its code and its own individual stories. It’s about distinction, uniqueness and perception in a barely overlooked flood of fashion labels and fashion statements. Ultimately, it is about generating and retaining as many potential and real customers as possible.

The catalyst for these forms of storytelling can be found in social media. With their own implied way of clothing communication and emotional visualization using image, text and sound. The communication of fashion and lifestyle on a mobile phone screen affects the perception of us human beings. The statement of fashion must adapt more and more to a three-second rhythm. This is dictated by the swiping movements on the mobile phone. The image and the fashionable code must communicate in this time span a message as individual as possible, which captures the attention of the beholder.

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Louis Vuitton 2019

 

Fashion_ Illustrations

_English Version below_

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Gucci Cruise 2019 Illustration by Sedona Legge

Ein Bild erzählt uns tausende Geschichten. Modeillustrationen können als Form der Kommunikation von modischen Inhalten und Ideen definiert werden. Die Freiheit des Strichs, die Individualität und die unendlichen Möglichkeiten in der Form der Darstellung wirken in unseren Zeiten, in denen wir den Eindruck haben, dass sich die Möglichkeiten der Modefotographie wegen ihrer Allgegenwärtigkeit in Print- und sozialen Medien, abgenutzt hat.

Dieser Umstand kann als Chance für die Modeillustration gesehen werden. Die Rückbesinnung in unserer Gesellschaft auf Handgemachtes und Handgekochtes, die Sehnsucht nach Reellem in einer Welt, in der die Digitalisierung Überhand genommen zu haben scheint, ist ein Phänomen unserer Zeit. Modeillustrationen bieten Möglichkeiten, die noch nicht in einem Zeichenprogramm festgeschrieben worden sind und haben die Möglichkeit auf das Sichtbarmachen der Identität einer reellen Person impliziert.

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Gucci Cruise 2019, Illustration by Sedona Legge

_English Version_

A picture tells us thousands of stories. Fashion illustrations can be defined as a form of communication of fashionable content and ideas. The freedom of the stroke, the individuality and the infinite possibilities in the form of the representation work in our times, in which we have the impression that the possibilities of fashion photography has because of its omnipresence in print and social media, worn off.

This circumstance can be seen as an opportunity for the fashion illustration. The recollection of our society to the handmade and the hand-cooked, the longing for reality in a world in which digitization seems to have taken the upper hand is a phenomenon of our time. Fashion illustrations offer possibilities that have not yet been codified in drawing programs and have implied the possibility of making the identity of a real person visible.

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Gucci 2018
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Gucci 2018

 

 

_ Flashlight_ CAMOUFLAGE

_ the classic_ Woodland Camouflage Pattern_

_ the Trompe-l’œil Camouflage Pattern_

_ the Urban Graffiti Camouflage Pattern_

_ the Artsy Digital Media Overload Camouflage Pattern_

Think Tank_ Streetwear_ What will follow?_ Style carries Meaning_

english version below_

Ein neuer Begriff macht in der Modewelt die Runde. Der Bourgeois Style scheint sich zu seiner Höchstform warm zu laufen. Modejournalisten, Modeblogger, Trendsetter und Fashionvictims verwenden ihn vermehrt, um das Ende aller Streetwear inspirierten Kollektionen herauf zu beschwören. Der Begriff Bourgeois Style umschreibt eine Rückkehr hin zu einem eleganteren, elaboriert ausgefeilten und vornehmer wirkenden Modestil für die Herbst Wintersaison dieses Jahres.

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Balenciaga_2019

Dabei beschreibt dieser beginnende Hype nichts weiteres als ein sehr bekanntes Prinzip in der Mode. Das Prinzip von Bewegung und Gegenbewegung. Der Zeitpunkt für eine beginnende Gegenbewegung ist genau dann, wenn ein Modestil große Gruppen der modisch interessierten Bevölkerung eingenommen hat und sich die modische Avantgarde zu langweilen beginnt. Streetwear ist mit Sicherheit während der letzten Jahre stilbestimmend. Modeerscheinungen wie die Jogginghose, die Bomberjacke, die allgegenwärtige Sports- und Utilitywear und alle Military- und Camouflageinspirationen haben in diesem modischen Milieu ihren Ausgangspunkt. Es wird also Zeit, die nach Distinktionsmerkmalen hungernde Avantgarde mit neuen Stilbildern zu füttern. Dabei ist es fast kalkulierbar, aus welchen Stilwelten ein modischer Nachfolger generiert werden kann. Es stellt sich die Frage nach dem möglichst großen stilistischen Gegenteil zu Streetwear.

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Off White_2019

Die stilistischen Wurzeln von Streetwear liegen in einem Feld von Rebellion, Protest und Subkultur, aber auch von profanen inspirierenden Fundstücken aus der Welt der Straße. Per se ist Streetwear ein Gradmesser für die Demokratisierung einer Gesellschaft. Kleiderstile entstehen eigenschöpferisch, ohne stilistische Vorbilder aus Protest und zur Identifikation mit der eigenen Gruppe. Es entstehen vollkommen neue Arten sich zu kleiden, die in erster Linie die Andersartigkeit von der bürgerlichen Welt verdeutlichen sollten. Gerade diese gestalterische Kraft des modischen Ausdrucks in der Andersartigkeit und der Verschiedenheit zum bürgerlichen Kleidersystem, machte Streetwear aller Couleur zur begehrlichen Ware für die bürgerliche Welt, insbesondere für die mittleren Schichten unserer westlichen Gesellschaft.
Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Straße ein selbstverständlich gewordener Ort von modischer Inspiration für die bürgerliche Welt und deren Modehersteller geworden. Überspitzt könnte man von einer Ausbeutung von Ideen sprechen. Die Formulierung eines modischen Dialogs ist mir in diesem Zusammenhang viel lieber.

 

Ein modischer Dialog entsteht, wenn ein Modedesigner eines etablierten Luxusmodehauses Kleidungsstile von der Straße für seine Klientel ohne die stilistische Wurzel zu negieren, wahrnehmbar interpretiert. Dieser Akt wirkt inklusiv, weil er die modische Inspiration als Vorlage ernst nimmt und dadurch das modische System durchlässig macht. Diese Durchlässigkeit kann man durchaus berechtigt als demokratisch beschreiben. Streetwear zu tragen wird als unprätentiös und als erfrischend gesehen. Streetwear ist Teil einer demokratisierenden Modeevolution. Aber wenn die Träger von Streetwear feststellen, sie sehen aus wie Jedermann auf der Straße, entsteht wiederum schnell Langeweile und die Sinne sind bereit, sich für das Neue zu öffnen.

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Louis Vuitton_2019

Mode ist immer Kommunikation und reagiert in ihrer Erscheinung auf politische und soziokulturelle Strömungen. Kleidung war für lange Zeit ein wichtiger öffentlich wahrnehmbarer Gradmesser für Wohlstand und gesellschaftlichen Status. In der Moderne kommt der Gedanke der physischen Bequemlichkeit von Kleidung hinzu. Diese beiden Ebenen, einerseits der Aspekt des Wohlfühlens und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beschreiben die wichtigsten Triebfedern für Mode in der Neuzeit.

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Burberry_2019

Aktuelle Interpretationen des bürgerlichen Kleiderprinzips, Bourgeoisie Style genannt, zeigen sich, ob streng oder eher auffallend, immer als Bewahrer konservativer Leitbilder, die die Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Schichten und die klassische Verteilung von Geschlechterrollen, eindeutig aufzeigen. Das bürgerliche Kleiderprinzip hatte in der Modegeschichte seine Höhen und Tiefen. In der Moderne gab es zwei deutlich wahrnehmbare Höhepunkte dieses Kleiderprinzips. Einer fand in den fünfziger Jahren statt. Modische Leitbilder waren zu dieser Zeit rückschrittliche feminine Leitbilder, wie Grace Kelly, die in ihrer modischen Erscheinung wie eine ältere respektierte Dame wirkte, und übertrieben maskuline Leitbilder, wie ein Cary Grant. Der zweite Höhepunkt fand in achtziger Jahren statt. Zu dieser waren Yuppies in ihren übernatürlichen kastigen Silhouetten der modische Rahmen für ein gesellschaftliches Szenario eines uneingeschränkten Kapitalismus einer Margaret Thatcher und eines Ronald Reagan.

 

Interessant zu betrachten ist die Tatsache, dass beide Höhepunkte eines bürgerlichen Modeleitbildes in Zeiten radikaler gesellschaftlicher Bedrohungen stattfanden. In den fünfziger Jahren war der Zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken gerade zu Ende gegangen, während die achtziger Jahre unter den Nachwirkungen der Ölkrise und der daraus folgenden Wirtschaftskrisen litten. Beide Jahrzehnte stehen für massive gesellschaftliche Umbrüche. Ganze Nationen wurden neu strukturiert, oder sie entstanden auf der Landkarte, Subkulturen hinterfragten gängige gesellschaftliche Strukturen und Denkmuster, die Mobilität der Gesellschaft wuchs rasant an und Frauen stellten ihre sogenannten natürliche angestammten Rollenbilder in Frage.

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Herrenmode aus dem Industriekapitalimus_ca.1880

Zieht man diese Tatsachen in die Betrachtung des bürgerlichen Modebildes ein, so geht es eben nicht nur um die Sehnsucht nach Schönheit als Gegengewicht zu einer sonst hässlichen Welt. Genauso berechtigt ist die Sichtweise nach dem Streben nach Ordnung in einer aus den Fugen geratenen Welt. Im Zentrum diese Modebildes steht immer die Trennung und Bewahrung althergebrachter sozialer Schichten im Sinne der Nachfolge der Bourgeoisie der adeligen Standesgesellschaft. Die Bourgeoisie zeigt sich als eine Erfindung des westlichen Kulturkreises, sie ist für gewöhnlich Weiß und steht für die Undurchlässigkeit von Klassenbarrieren. Die Bourgeoisie pflegt eine Kultur des Ausschlusses und gleichzeitig stülpt sie deren Haltung als Allgemeingültigkeit allen über. Historisch dienen deren Kodes die Positionen von Mann und Frau als eindeutig zu beschreiben, gleiches gilt für die Einteilung der Gesellschaft in höhere und niedrigere Klassen und eine europäisch geprägte westliche Kultur über alle anderen Kulturen zu stellen.

Betrachten wir das Heute und die sich wandelnden Modeleitbilder, so sehen wir bürgerlich geprägte Modeleitbilder an allen Orten.

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Burberry_2019

Riccardo Tiscis letzte Kollektionen für Burberry wurden stilistisch von einer modernistisch und gleichzeitig praktisch wirkenden Triebfeder angetrieben, die ihren Schwerpunkt auf sehr gepflegt wirkende, auf hohen Absätzen dahin spazierende Models in klassischen Twin Sets mit knielangen Röcken in Oberklassen- Beige gehalten, legte.

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Celine_2019

Hedi Slimane präsentierte in seiner ersten Kollektion für Celine eine Pariser „Rive Gauche“ Haltung, die sich in Culotte, mäßig langen Röcken, geknoteten Seidenschals ausdrückt. Die Herren bestreiten des Defilee ohne Turnschuhe.

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Balenciage_2019

Demna Gvasalia hat erwachsen wirkende nach den Regeln einer High Tech Schneiderkunst gefertigte Kleidungsstücke über den Laufsteg geschickt, während Kim Jones für Dior den Utility- Aspekt des Hauses zu Gunsten eines Haute Couture- Anspruchs, abgemildert hat.

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Dior_2019

Um zu verstehen, wie überraschend dieser Wechsel in den Kollektionsaussagen ist, müssen wir uns an den stilistischen Ursprung dieser Designer erinnern. Alle vier entstammten aus der rebellischen modischen Spitze des Designspektrums. Jeder einzelne von den erwähnten Designer hat seine stilistischen Wurzeln in den Jugendkulturen, von den Mods, über die Punks, New Wave und Gothic, bis hin zu den Skateboardern. Jetzt die einst aufständigen Punks satt geworden und setzen sich in den Vorstädten zur Ruhe?

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Celine_2019

Modejournalisten begrüßten diesen Wechsel der Mode als Ankündigung eines Nachfolgers von Streetwear. Dabei vergessen die Journalisten eine zentrale Tatsache. Es ist unmöglich einen Modestil, der sich eines sichtbar formulierten sozialen Kontextes bedient, wieder zu beleben ohne gleichzeitig Assoziationen und Konnotationen hervorzurufen. Ein Modestil trägt immer eine Bedeutung in sich. Die Wiederbelebung des bürgerlichen Kleiderstiles entbindet niemanden von der Verantwortung der Bedeutung in der Kleidersprache. Früher rebellische Designer, wie Hedi Slimane oder Riccardo Tisci, haben als Designprofis natürlich sehr sensible Antennen für die Bedürfnisse ihrer Käufer, die zumeist aus den oberen gesellschaftlichen Schichten stammen. Aber deren Kollektionen verkörpern, vielleicht ermutigen sie sogar zu einer hierarchisch geprägten Gesellschaftsordnung. Und dies aus gutem Grund.

Die Motivation des Bedürfnisses sich herauszuputzen, im Gegensatz zur informellen Stilaussage von Streetwear, erscheint nicht allzu überraschend, wenn man die aktuelle Lage der Welt in Augenschein nimmt. Die Welt steht zur Zeit vor einem enormen Zusammenbruch gesellschaftlicher Strukturen. Die sozialen Medien, noch vor zehn Jahren als demokratische Möglichkeit den sonst nicht Gehörten eine Stimme zu verleihen, gefeiert wurden, entwickeln sich zu einem großen Problem für die Eliten, die nicht nur den direkten Einfluss ihrer Macht verloren haben, sondern jetzt auch mit unkalkulierbaren Risiken umgehen müssen. Sei es Trump, der Brexit, die Gelbwesten und der gesamte Unmut der gesellschaftlich und wirtschaftlich Abgehängten, alle rechts populistischen und sonstigen anti elitären Bewegungen, haben ihren Ursprung auf Facebook, Twitter, oder Instagram und der Kultur des schnellen „Likes“.

Die Sprache der Mode kann lauter als Worte sein. Die Mode ist derzeit nur eines der Schlachtfelder eines ästhetischen und politischen Krieges. Alle beteiligten Parteien arbeiten daran sich zu unterscheiden und benutzt jedes Werkzeug das „IN“ und das „OUT“ der Gesellschaft neu zu bestimmen.

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Vetements_2019

_english version_

A new term makes its rounds in the fashion world. The bourgeois style seems to warm up to its peak. Fashion journalists, fashion bloggers, trend-setters, and fashion thinkers are increasingly using it to summon up the culmination of streetwear-inspired collections. The term bourgeois style describes a return to a more elegant, elaborate and sophisticated style for the fall winter season of this year.

Yet this incipient hype does not describe anything more than a well-known principle in fashion. The principle of movement and countermovement. The time for a beginning countermovement is precisely when a fashion style has taken large groups of the fashionable interested people and the fashionable avant-garde begins to bore. Streetwear is certainly defining fashion and style during the last years. Fashion items such as the sweatpants, the bomber jacket, the ubiquitous sports and utility wear and all military and camouflage inspirations have their starting point in this fashionable milieu. So it’s time to feed the always hungry avant-garde with new codes of distinctions and new style images. It is almost calculable from which style worlds a fashionable successor can be generated. It raises the question of the greatest possible stylistic opposite to streetwear.

The stylistic roots of streetwear lie in a field of rebellion, protest and subculture, but also of profane inspiring finds from the world of the street. Per se, streetwear is an indicator for the democratization of a society. Clothing styles are created inside the subcultures, without stylistic role models. Mainly streetwear is made for protest and for identification with one’s own group. There are completely new ways of dressing, which should primarily illustrate the difference between the bourgeois world. It was precisely this creative power of fashion expression in the difference to the bourgeois dress system that made streetwear a desirable product for the bourgeois world, especially for the middle class of our western society.

Since the 1980s, the street has become a place of fashion inspiration for the bourgeois world and its fashion manufacturers. One could speak of an exploitation of ideas. The formulation of a fashionable dialogue is much preferable to me in this context.

A fashionable dialogue arises when a fashion designer of an established luxury fashion house perceptibly interprets clothing styles from the street for his clientele without negating the stylistic root. This act is inclusive because it takes the fashion inspiration seriously as a template and thereby makes the fashionable system accessible. This permeability can be legitimately described as democratic. Wearing streetwear is seen as unpretentious and fresh. Streetwear is part of a democratizing fashion evolution. But when wearers of streetwear notice they look like everyone else on the street, boredom quickly ensues and the senses are ready to open up to the new.

Fashion is always communication and reacts in its appearance to political and socio-cultural currents. Clothing has long been an important public indicator of wealth and social status. In modernity, the idea of ​​physical comfort of clothing is added. These two levels, on the one hand the aspect of well-being and the perception in the public, describe the most important driving forces for fashion in the modern times.

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Vetements_2019

Current interpretations of the bourgeois clothing principle, called bourgeoisie style, show up, whether strictly or rather conspicuously, always as preservers of conservative models, which clearly show the affiliation to certain social class and the classical distribution of gender roles. The bourgeois clothing principle had its ups and downs in fashion history. In modern times, there were two clearly perceptible highlights of this dress principle. One took place in the fifties. Fashionable models at that time were regressive feminine models, such as Grace Kelly, who looked in her fashionable appearance like an elderly respected lady, and masculine models, such as a Cary Grant. The second highlight took place in the eighties. To this, yuppies in their supernatural boxy silhouettes were the fashionable setting for a social scenario of unrestricted capitalism of a Margaret Thatcher and a Ronald Reagan.

Interesting to note is the fact that both highlights of a bourgeois model portrait took place in times of radical social threats. In the fifties World War II was with all his horrors have just come to an end, while the eighties suffered from the aftermath of the oil crisis and the consequent of economic crises. Both decades stand for massive social upheavals. Whole nations were restructured or emerged on the map, subcultures questioned common social structures and patterns of thought, the mobility of society grew rapidly and women questioned their so-called natural role models.

If one integrates these facts in the contemplation of the bourgeois fashion system, then it is not just about the yearning for beauty as a counterbalance to an otherwise ugly world. Just as justified is the view of the pursuit of order in a world gone out of joint. At the center of this fashion image is always the separation and preservation of traditional social classes in the sense of the succession of the bourgeoisie of aristocratic civil society. The bourgeoisie appears to be an invention of Western culture, usually white and indicative of the impermeability of class barriers. The bourgeoisie cultivates a culture of exclusion, and at the same time it overrides their attitude as universality to all. Historically, their codes serve to describe the positions of men and women as unambiguous, and the same applies to the division of society into higher and lower classes and to place a European-influenced Western culture above all other cultures.

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Balenciaga_2019

If we look at today and the changing fashion models, we see bourgeois fashion icons in all places.

Riccardo Tisci’s latest collections for Burberry were stylistically propelled by a modernist and at the same time practical driving force, which put their focus on well-groomed, high-heeled models in classic twin sets with knee-length skirts in upper-class beige.

In his first collection for Celine, Hedi Slimane presented a Parisian „Rive Gauche“ attitude, which is expressed in culotte, moderately long skirts, knotted silk scarves. The men contest the defile without sneakers.

Demna Gvasalia has sent adult looking high tech tailoring garments down the catwalk, while Kim Jones has softened Dior’s utility aspect in favor of haute couture aspirations.

To understand how surprising this change in the collection statements is, we need to remember the stylistic origins of these designers. All four came from the rebellious fashion tip of the design spectrum. Every single one of the designers mentioned has its stylistic roots in youth cultures, from Mods to Punks, New Wave and Goth, to Skaters. Now the once revolting Punks have become staisfied and settle down in the suburbs?

Fashion journalists welcomed this change of fashion as an announcement of a successor to streetwear. The journalists forget a central fact. It is impossible to revive a fashion style that uses a visibly formulated social context without creating associations and connotations at the same time. Every fashion style always carries meaning. The revival of bourgeois dress style does not absolve anyone of the responsibility of meaning in dress code. Formerly rebellious designers such as Hedi Slimane or Riccardo Tisci, as design professionals, naturally have very sensitive antennas for the needs of their buyers, most of whom come from the upper social classes. But their collections embody, perhaps even encourage, a hierarchical social order. And for a good reason.

The motivation of needing to dress up, in contrast to the informal style statement of streetwear, does not come as a surprise when looking at the current state of the world. The world is currently facing an enormous collapse of social structures. The social media, ten years ago as a democratic opportunity to give voice to those not previously heard, are becoming a major problem for the elites, who have not only lost the direct influence of their power, but now also with incalculable risks have to deal with. Be it Trump, the Brexit, the Yellow Vests, and all the dissatisfaction of socially and economically dependent, all right-wing populist and other anti-elitist movements, have their origins on Facebook, Twitter, or Instagram and the culture of quick „Likes“.

The language of fashion can be louder than words. Fashion is currently just one of the battlefields of an aesthetic and political war. All parties involved work to distinguish themselves and use each tool to redefine the „IN“ and the „OUT“ of society.

_Fashion Evolution_ Eco Consciousness and Sustainibility_

_english version below_

Der heiße Diskurs über die Reduzierung und die Wiederverwertung von Abfall, bis hin zu nachhaltigen Produktionsprozessen wirkt sich auf die Designwelt sehr stark aus. An allen Ecken und Enden der industriellen Lieferkette beginnt ein radikales Umdenken. Nachhaltigkeit bleibt das Herzstück textiler Entwicklungen und Marketingkampagnen, da dem Verbraucher die schwerwiegenden Folgen von zu viel Konsum und Abfall zunehmend bewußt werden. Neue Ansätze zur Nachhaltigkeit erschaffen Produkte, die so haltbar sind, dass sie einen durchschnittlichen Trägerhythmus überleben, während Materialinnovationen leicht verfügbare und erneuerbare Ressourcen wie Algen und Pilze erforschen.

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Jil Sander

Lieblingstücke werden durch jahrhundertealte Handnähtechniken überarbeitet und erneuert. Gleichzeitig tauchen auf dem boomenden Online- Wiederverkaufsmarkt eine neue Welle von Upcyclern auf, die Denim- und Sportswearteile zu kreativen neuen Looks umgestalten. Die Umgestaltung und Wiederverwertung von Lagerware bietet einen weiteren Aspekt, den insbesondere Denim-Start- Ups als Alternative zu herkömmlichen Supply-Ketten intensiv erforschen.

Ein immer stärker werdender gesellschaftlicher Code treibt die Wiedergewinnung von Ressourcen und das Recycling von Produkten zusammen mit dem Wunsch nach verantwortungsvollen Herstellungsprozessen voran. Es entsteht ein Bewusstsein für Probleme, die sich aus der Umweltverschmutzung und Überproduktion ergeben.

Alle Arten von weggeworfenen Ressourcen werden wiederverwertet und in expressive und haptische Kunstwerke verwoben. Es gibt eine Abkehr von der digitalen Welt hin zur physischen Wahrnehmung, in der sich handgearbeitete Teile während des Herstellungsprozesses entwickeln und modifizieren dürfen. Fundstücke werden neu zusammen definiert und geschichtet. Es entstehen wundervolle Kompositionen aus Arbeitskleidung, folkloristischen Fundstücken und Plastikmüll. Eine willkürliche zufällig erscheinende Verschmelzung von wiedergewonnenem Material und kulturellen Einflüssen. Dies führt zu einer scheinbaren Zufälligkeit, gleichzeitig werden durch diese Prozesse auch neue Ideen angeregt.

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Maison Margiela

In einer geschlechts- und kulturübergreifenden Welt werden immer mehr freie, nicht von etablierten Institutionen initiierte und moderierte Auseinandersetzungen geführt. Diese Entwicklung wird auf die Produktgestaltung und die Mode übertragen und findet ihren  Ausdruck in zusammengetragenen Patchworks aus mehreren, willkürlich erscheinenden Qualitäten und erzeugen ungeordnet scheinende Designs. Fundstücke werden zusammengefügt, erneut zerlegt und modifiziert, was zu einfallsreichen Kombinationen führt. Komponenten sammeln sich in unstrukturierten Mischverhältnissen, deren unzählige Kombinationen austauschbar erscheinen. Die Randomtaste als Gestaltungsprinzip.

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_english version_

The discourse on waste reduction and recycling, all the way to sustainable production processes, has a strong impact on the design world, sparking a radical shift in thinking across all angles of the industrial supply chain. Sustainability remains at the heart of textile development and marketing campaigns, as consumers become increasingly aware of the serious consequences of overconsumption and waste. New approaches to sustainability create products that are durable enough to survive average wearer cycles, while material innovations explore readily available and renewable resources such as algae and fungi.

Favorite pieces are revised and renewed through centuries-old hand sewing techniques. At the same time, a booming online resale market is bringing a new wave of upcycling, transforming denim and sportswear into creative new looks. The reorganization and recycling of stored goods offers another aspect that denim start-ups, in particular, are exploring intensively as an alternative to conventional supply chains.

Progressing social codes are driving resource recovery and product recycling along with the desire for responsible manufacturing processes. There is an growing awareness of problems arising from pollution.

All kinds of discarded resources are recycled and woven into expressive and haptic works of art. There is a shift away from the digital world to physical perception, where handcrafted parts are allowed to develop and modify during the manufacturing process. Finds are newly defined and layered together. This creates wonderful compositions of work clothes, folkloristic finds and plastic waste. An arbitrary amalgamation of recovered material and cultural influences. This leads to a certain randomness, but also to a suggestion of new ideas.

In a cross-gender and cross-cultural world discussions are more and more free, not initiated by established institutions. This development is applied to product design and fashion, finding its expression in compiled patchworks of multiple, seemingly arbitrary qualities and creating seemingly disordered designs. Finds are assembled, disassembled and modified, resulting in imaginative combinations. Components accumulate in unstructured mixing ratios, whose countless combinations appear interchangeable. The random key as a design principle.

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Wolf Vostell- Videostill

 

_Fashion Evolution_ Self- Care and Well- Being_

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Dries van Noten AW 2019

_english version below_

_ Wir begegnen unserer komplexen, unter Leistungsdruck stehenden Gesellschaft mit Intuition. Wir suchen Beziehungen, die sehr persönlich und emotional sind. Wir möchten berührt werden.
In diesem gesellschaftlichen Szenario ist unser körperliches und geistiges Wohlbefinden alles, was wir haben. Ganzheitliche Gesundheit bedeutet für uns auf eine ausgewogene Ernährung, Bewegung, die Körper und Geist unterstützt, und eine Umgebung zu achten, die im Bezug auf Raum, Licht, Stille und in der Verbindung all dieser Elemente gesund für uns ist. Die Philosophie beruht auf Ganzheitlichkeit, ein Lebensstil, der unsere Lebensqualität verbessert.

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Jil Sander

Persönliches Wachstum, Erleuchtung und Inspiration werden zu den Hauptzielen für diejenigen, die sich auf persönliche Reflektion, Achtsamkeit und Wohlbefinden konzentrieren. Die Schaffung positiver persönlicher Mantras fördert realistische Selbstakzeptanz. Unvollkommenheit ist Schönheit und die Tätigkeit ist besser als Perfektion. Spiritualität wird von der Gesellschaft vermehrt akzeptiert. Spirituelle Praktiken werden als Teil eines kontinuierlichen Fokus auf die psychische und physische Gesundheit in den Alltag integriert. Produkte begründen sich aus sich selbst heraus, sie haben eine Seele und einen Zweck. Wir überdenken unser Konsumverhalten. Weniger ist mehr.

Wir suchen Orte der Ruhe, um dem Chaos und den enormen  Umweltreizen zu entfliehen. Beruhigende sinnliche Orte, an denen das Wohlbefinden im Vordergrund steht. Wir versuchen, unser Gleichgewicht wiederzuerlangen, indem wir uns auf multisensorische Erfahrungen einlassen. Wir sind gehen achtsam mit Ton, Bild, Geschmack, Geruch und kinästhetischen Wahrnehmungen um. Wir sind aufmerksam und erschaffen Orte der Ruhe. Alles soll die Sinne angenehm berühren. Eine  Anerkennung der harmonischen Schönheit.

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Dries van Noten AW 2019

Harmonie ist die Botschaft, ganz im Gegensatz zu anderen sehr lauten Mode-Statements. Ruhige Farbreihen und Materialien, die sich luxuriös anfühlen kreieren raffinierte, feminine Formen. Die Silhouetten sind in diesem Kontext feminin gerundet und haben genug Volumen, um sanfte Bewegungen zu ermöglichen. Die Linien sind elegant und lenken die Aufmerksamkeit auf die Sinnlichkeit der Schulter, des Nackens oder der Taille. Dies ist eine Geschichte von wunderschön komponierten Ensembles ohne scharfe Kanten.

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Dries van Noten AW 2019
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Givenchy AW 2019
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Givenchy AW 2019
Richard Quinn, HerbstWinter 201920
Richard Quinn AW 2019
Erdem, HerbstWinter 201920
Erdem AW 2019
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Moncler Genius X Maison Valentino

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In our pressured complex society we will need to be more intuitive. We are looking for relationships that are highly personal and emotional. We want to be moved and touched.
In this social scenario, our physical and mental wellbeing is all we have. Holistic health means for us a balanced diet, exercises that supports body and mind, and to respect an environment that is healthy to us in terms of space, light, silence, and the combination of all these elements. The philosophy is based on holistics, a lifestyle that improves our quality of life.

Personal growth, enlightenment and inspiration become the main goals for those who focus on personal reflection, mindfulness and well-being. The creation of positive personal mantras promotes realistic self-acceptance. Imperfection is beauty and the activity is better than perfection.

Spirituality is increasingly accepted by society. Spiritual practices are integrated into everyday life as part of a continuing focus on mental and physical health. Products are self-explanatory, they have a soul and a purpose. We are revising our consumption behavior. Less is more.

We seek places of tranquility to escape the chaos and enormous environmental attractions. Soothing sensuous places where well-being is paramount. We try to regain our balance by engaging in multisensory experiences. We are mindful of sound, image, taste, smell, and kinesthetic perceptions. We are attentive and create places of tranquility. Everything should touch the senses pleasantly. A recognition of harmonious beauty.

Unlike other very loud fashion statements, harmony is the message. Quiet color ranges and materials that feel luxurious create sophisticated, feminine shapes. The silhouettes are feminine rounded in this context and have enough volume to allow gentle movements. The lines are elegant and draw attention to the sensuality of the shoulder, the neck or the waist. This is a story of beautifully composed ensembles without sharp edges.

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Tomo Koizumi